Dienstag, 10. Januar 2012

12.19.19.0.14

An diesem Januarmorgen war einiges merkwürdig. Der Beginn des Jahres 2012 hatte Frühtemperaturen gesehen, wie man sie noch nie verzeichnet hatte. Der Schnee, der in Deutschland zwischen Weihnachten und Neujahr gefallen war, war in der Wärme und den Fluten andauernden Regens verschwunden. Dafür versanken die Alpengebiete von Österreich unter meterdicken Schneeschichten und die Lawinengefahr war stark angestiegen.

An diesem Morgen nun lief eine kleine Delegation in Schloss Braunfels ein. Hausdiener Meier und der Landgraf erwarteten sie schon. Angeführt wurde die Delegation von Jin’Enom, der überschwänglich von Roland von Braunfels begrüßt wurde.
»Es ist mir eine Freude!«, bekräftigte er. »Mögen Sie aus diesem Ort einen Ort der Zukunft machen, denn das brauchen wir mehr denn je.«
»Dann, mein junger Freund«, entgegnete Jin’Enom, »sollten Sie im Gegenzug Ihre Aufgabe weiter erledigen und dafür sorgen, dass das Europäische Parlament ein Ort der Zukunft ist. Auch das brauchen wir mehr denn je, gerade in diesen Zeiten.«
»Leider gehört da im Moment ein zäher Kampf mit Kleingeistern dazu«, gab Roland zu, »aber ich tue was ich kann. Wen haben Sie uns denn mitgebracht?«
Jin’Enom begann, seine Begleiter vorzustellen: »Lumin kennen Sie ja schon, das hier ist Professor Christian Enjorl vom Landesamt für Archälogie, unser Rechtsanwalt Heimel und Herr Degenhardt, der für unsere Finanzverwaltung zuständig ist.«
»Sehr schön«, sagte Roland von Braunfels. »Dann können wir die juristischen Details klären. Mein Rechtsanwalt befindet sich bereits in meinem Büro. Ich nehme an, dass Lumin und der Professor sich in den Kunstschätzen des Schlosses umsehen wollen?«
»Wenn Sie nichts dagegen haben?«, meinte Jin’Enom.
»Natürlich nicht«, meinte der Landgraf, »In Kürze gehört das sowieso alles Ihnen, Sie können damit machen, was Sie wollen. Mein Diener wird Ihnen die Speicherräume des Schlosses zeigen.«
Jin’Enom, Roland von Braunfels, Heimel und Degenhardt begaben sich ein Stockwerk höher. Professor Enjorl, Lumin und Hausdiener Meier blieben in der großen Eingangshalle stehen.
»Nun, meine Herren«, meinte Meier, »da wir nun schon im Erdgeschoss sind, wollen wir mit den Kellergewölben anfangen?«
»Kellergewölben?«, fragte Lumin. »Sie meinen das Kellergewölbe, in dem man den…«
»Oh nein!«, unterbrach ihn Meier. »Das fragliche Gewölbe, das Sie meinen, hat der junge Landgraf nach dieser unangenehmen Geschichte zumauern lassen. Es gibt noch einen Weinkeller, der in ein Gewölbe ausläuft. Dort finden sich einige Sachen, die die Familie von Braunfels im Lauf der Zeit angesammelt hat.«
»Gut, dann fangen wir dort an.«

Das Kellergewölbe wurde über eine breite Treppe betreten. Diese führte direkt in ein Tonnengewölbe, in dem verschiedene Weinfässer gelagert waren. An der hinteren Wand befand sich ein Durchgang, und über diesen kam man in einen weiteren, großen Raum. Die Decke dieses Raumes wurde von runden Säulen gestützt, die in Quadraten angeordnet waren. Von den Säulen zogen sich Bögen über die Decke. Die Bögen gingen dabei von einer Säule zu der diagonal gegenüberliegenden, so dass sich immer zwei Bögen kreuzten. An der Stelle, an der sich die Bögen kreuzten, befand sich ein rundes Schild, auf dem etwas gemalt war.
»Faszinierend«, murmelte Professor Njorl.
Der Wissenschaftler mittleren Alters war eigentlich Experte für alte Schriften, da er aber schon einmal mit den Quysthali zusammengearbeitet hatte, war er begeistert, an einem neuen Projekt teilzunehmen.
Das Gewölbe mochte man faszinierend finden, aber der Raum selbst ließ sich in der Tat am besten mit dem Attribut »Rumpelkammer« umschreiben. Gegenstände, Kisten und teilweise Regale waren einfach reingestellt worden, ohne besondere Ordnung. Manche Sachen hatte man mit Planen abgedeckt, aber die meisten waren ungeschützt dem etwas feuchten Klima ausgesetzt.
»Sehen Sie mal!«, rief Njorl da.
Im fahlen Licht der Neonröhren, die diesen Teil des Kellers beleuchteten, konnte man eine große Nische in der Wand sehen, die oben abgerundet war. Vor der Nische stand etwas, das ein großes Bild zu sein schien, allerdings konnte man die Leinwand nur von hinten sehen. Das Bild verdeckte etwa die Hälfte der Nische, dennoch erkannte der Betrachter, das in dieser eine mannshohe Statue stand, die einen mittelalten Mann mit Bart darstellte, der in der einen Hand ein Kreuz hielt.
»Das ist der Adler von Patmos!«, erklärte der Professor. »Der Evangelist Johannes. Hier muss einmal eine Kapelle gewesen sein.«
Und damit verschwand der Gelehrte zwischen dem ganzen Gerümpel, das sich in dem Gewölbe angesammelt hatte.
»Ich wette, er kommt zurück und bringt die verlorene Bundeslade mit«, meinte Lumin halblaut.
»Es wäre mir entgangen, sollte die Familie von Braunfels einen derartigen Schatz in ihre Hallen gebracht haben«, entgegnete der Diener.
»Das war ein Scherz.«
»Verstehe.«
»Ein Almanach aus dem Jahr 1702!«, kam die Stimme Njorls von irgendwoher.
»Wie ein Kind im Spielzeugladen«, grummelte der Quysthali.
»Der junge Herr macht einen… wie soll ich sagen? Einen etwas frustrierten Eindruck, wenn mich nicht alles täuscht«, sagte Meier vorsichtig.
Lumin seufzte. »Das gehört dazu, wenn man Diener ist, oder?«, fragte er. »Beobachten und die Bedürfnisse anderer erkennen.«
»Sagen wir es so, wenn man dieses Talent hat, hilft einem das ungemein weiter. Ich scheine in meiner Mutmaßung also richtig zu liegen?«
»Ich habe schon seit einiger Zeit das Gefühl, trotz der Quysthali und meiner Arbeit, die ich als sehr sinnvoll erachte, fehlt da was. Ich sehe, wie bei anderen Dinge passieren und Ereignisse eintreten, doch bei mir ist da Fehlanzeige. Fast so…« Er suchte nach Worten. »Fast so, als wäre das alles ein Roman, und das letzte Kapitel würde fehlen. Verstehen Sie, ich lese die Geschichte, und sie bricht einfach ab und das Buch ist am Ende. Keine Erklärung, keine Handlungsfäden, die aufgelöst werden, nichts.«
»Nun«, meinte Meier, »ich bin lediglich ein bescheidener Hausdiener, aber wenn ich mir eine Bemerkung gestatten darf: Kann ihr Frust über das fehlende letzte Kapitel dieses Romans daran liegen, dass es kein letztes Kapitel gibt?«
»Wie meinen Sie das?«
»In einer Geschichte mag das alles schön bequem sein, man hat die Handlungsfäden, denen die Geschichte folgt und die am Ende aufgelöst werden. Und dennoch: Keine Geschichte hat wirklich ein letztes Kapitel, denn keine Geschichte endet wirklich. Und die große Geschichte, die wir Leben nennen, erst recht nicht.«
»Wie meinen Sie das, Geschichten haben kein letztes Kapitel?«
»Nehmen Sie doch nur mal die Märchen, die enden mit diesem Spruch, und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage. Ja, aber wie lebten die Figuren denn? Glauben Sie allen Ernstes, dass sich Schneewittchen nie mit ihrem Prinz gestritten hat, und sei es über die Farbe von den Vorhängen im Märchenschloss? Es ist egal, wie endgültig das Ende einer Geschichte zu sein scheint, es gibt immer etwas, das danach kommt.«
»Das darf nicht wahr sein!«, drang die Stimme von Professor Njorl aus einer Ecke des Raumes. »Eine echte ägyptische Kanope!«
»Junger Herr«, nahm Hausdiener Meier das Gespräch wieder auf, »darf ich in aller Bescheidenheit fragen, ob es einen konkreten Anlass für die schweren Gedanken des jungen Herren gibt?«
Wieder seufzte Lumin. »Ja und nein«, gab er zu. »Ich arbeite und mache, was ich tun kann, aber irgendwie… ich habe das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Alvarez ist ständig in der Weltgeschichte unterwegs, Loskher ebenso – und Beryl will auch wieder ins Ausland, für eine längere Zeit.«
»Beryl ist, so darf ich annehmen, der Name einer jungen Dame unter den Quysthali?«
»Ja, richtig. Sie macht das einfach. Und ich, ich bin hier in meine Aufgaben eingebunden und habe das Gefühl, nicht mehr mitzukommen.«
»Inwiefern glaubt der junge Herr, mit irgendwas mitkommen zu müssen? Und womit überhaupt?«
»Erfahrung. Erleben. Etwas in der Art. Es gäbe so viel zu sehen, aber das geht nicht. Nicht bei mir.«
»Das klingt, als hätte der junge Herr schon häufiger ähnliche Erfahrungen gemacht.«
»Das haben Sie richtig erfasst. Ich habe mich bisher immer in die Situationen, in denen ich war, voll und ganz hineinbegeben. Und das Resultat war, dass ich irgendwo steckengeblieben bin. Beruf, Leben, Privates, was auch immer. Und jetzt wieder. Ich kann nicht einfach aufbrechen und meine Aufgaben wegwerfen. Beryl jedoch wird das tun, und wenn sie wiederkehrt, wird sie um Erfahrung, Wissen und Erkenntnisse reicher sein – und ich kann nur ratlos zurückbleiben. Und das werde ich irgendwann wirklich: zurückbleiben. Ich fühle mich so ausgeschlossen.«
»Der junge Herr sieht keine Möglichkeit, vielleicht doch noch mal aufzubrechen?«
»Dafür ist es längst zu spät.« Diesmal seufzte Lumin richtig tief. »Mein Leben ist vorbei.«
»Ich werd‘ nicht mehr!«, rief Njorl. Seine Stimme kam aus einer anderen Ecke des Raumes als zuvor. »Das ist eine Handschrift von Adson von Melk! Die gilt in Fachkreisen als verschollen!«
»Wenn Sie das Bernsteinzimmer gefunden haben, Professor, geben Sie Bescheid«, antwortete Lumin mit triefendem Sarkasmus in der Stimme.
»Ja, mach ich«, kam es zurück. Der Professor hatte offenbar nicht wirklich gehört, was der Quysthali gesagt hatte. Oder er besaß Humor.
»Darf ich dem jungen Herrn etwas mitgeben?«, nahm Meier das Gespräch wieder auf.
»Was denn?«
»Wenn mir die Bemerkung gestattet ist, ich verstehe zutiefst den Frust, den der junge Herr hegen muss. Die Geister der Vergangenheit sind mitunter böse Gesellen, die uns an etwas ketten wollen, das längst nicht mehr existiert. Und mit jeder neuen Situation, die an vergangene Zeiten erinnert, kehren sie zurück und schmieden weitere Ketten, die uns halten und am Vorwärtskommen hindern. Da hilft nur eins: Die Ketten der Vergangenheit ablegen. Natürlich gibt es keine Patentlösung. Nehmen wir den Landgraf. Er trennt sich von diesem Schloss, seit es für ihn ein Ort der unangenehmen Erinnerungen geworden ist. Er hat die Geister der Vergangenheit in dem anderen Kellergewölbe eingemauert und macht sich frei für etwas Neues. Selbiges zu tun, das würde ich auch dem jungen Herrn raten. Ich weiß, ich klinge da wie ein schlechter Ratgeber, denn schon immer bin ich Diener der Familie von Braunfels, und das werde ich auch bleiben. Aber etwa dieser Umzug, das sind so die kleinen Unwägbarkeiten, die für etwas Abwechslung im Leben sorgen. Der junge Herr sollte seinen Blick nicht nach den Geistern der Vergangenheit richten, sondern die Gegenwart beachten. Und wenn es eine Möglichkeit gibt, die Ketten der Vergangenheit abzustreifen, sollte der junge Herr das tun.«
In dem Moment erhob sich eine seltsame Kreatur von hinter einem Kistenstapel. Sie war pechschwarz, hatte einen lang gezogenen Kopf, seltsam eckige Augen und einen verzerrten Mund, der eine Reihe spitze Zähne entblößte. »Buuuuuh!«, machte die Gestalt, »Ich bin der Geist der Vergangenheit!«
»Professor Njorl, hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie exorbitant albern sind?«, fragte Lumin die Gestalt ungerührt.
Professor Njorl nahm die Holzmaske herunter, hinter der er sich versteckt hatte. »Mit Humor geht alles besser!«, behauptete er. »Ist das nicht toll? Das ist ein Kulthaken aus Neuguinea.«
»Ja, hurra, hurra«, bemerkte Lumin und versuchte erst gar nicht, begeistert zu klingen. »Was sollen wir nun tun? Sollen wir es organisieren, dass die ganzen Stücke abtransportiert werden, damit Sie sie genauer untersuchen können.«
»He, der Witz war auch nicht schlecht«, grinste Njorl. »Nein, im Ernst, das hier ist nur ein Kellergewölbe, und ich habe gehört, es gibt noch einen Dachboden?«
»Zwei Dachböden«, korrigierte Meier.
»Hu«, machte der Professor. »Das ist ordentlich. Das ist zu viel für einen einzelnen Menschen. Ich muss mal bei meinen Kollegen nachfragen. Die ganze Fakultät ist zwar in Aufruhr wegen des Keltengrabes, das man in der Heuneburg entdeckt hat, aber der eine oder andere wird gerne mit hinzukommen, um diese Sachen hier durchzusehen und zu bewerten. Und ich würde eine andere Vorgehensweise vorschlagen.«
»Aha. Und zwar?«
»Der Landgraf überschreibt den Quysthali doch in diesem Moment das ganze Schloss hier. Warum also sollen wir uns die Mühe machen, den ganzen Krempel von hier nach Rosenegg zu schaffen? Wenn man uns einen Raum einrichtet, können wir unsere Studien auch hier machen.«
»Das wäre eine Möglichkeit.«
»Der Festsaal wäre möglicherweise geeignet dafür«, warf Meier ein. »Er ist groß und hat große Fenster. Außerdem stehen dort lange Tische mit Stühlen.«
»Ist das der Saal, wo die Weihnachtsfeier stattgefunden hat?«, fragte Lumin.
»Nein«, antwortete der Diener, »das ist der Rittersaal. Sie sehen, junger Herr, das Schloss hat genügend Säle für die unterschiedlichsten Zwecke.«
»Gut, dann wollen wir mal nach den anderen sehen und die Idee des Professors besprechen.«




Später am Tag saßen Professor Njorl, Jin’Enom und Lumin in der Bibliothek von Schloss Rosenegg und unterhielten sich.
»Das ist eine unglaubliche Schenkung«, stellte der Professor fest. »Ich bin mir sicher, dass sich unter den eingelagerten Sachen einige wirkliche Schätze befinden. Ich hoffe nur, die Feuchtigkeit hat nicht zu viel kaputt gemacht.«
Lumin reichte Njorl die gelbe Akte, die er am Weihnachtsabend von Roland von Braunfels erhalten hatte. »Können Sie hiermit etwas anfangen?«
Der Professor sah die Mappe an. »Oha, sowas habe ich lang nicht mehr gesehen.«, sagte er und öffnete die Pappdeckel, um sich den Inhalt zu betrachten. »Aha, hm. Das Papier dürfte so ungefähr hundert Jahre alt sein. Vielleicht auch etwas älter. Die Zeichnungen… hm. Da hat jemand etwas abgemalt. Sieht aus wie… Maya-Glyphen… vielleicht auch Aztekisch. Aber das hier?« Er deutete auf eines der Blätter. Im obersten Viertel dieses Blattes befanden sich Bleistiftstriche, die wie Schrift aussahen, aber lesen konnte man sie nicht wirklich. »Entweder ist das keine Schrift, wie wir sie hier verwenden, sondern sieht nur so aus, oder der Schreiber hatte eine verdammt schlechte Handschrift. Ich würde Ihnen raten, das speziellen Fachleuten vorzulegen.  Zum Beispiel in der Universitätsbibliothek Dresden.«

Freitag, 23. Dezember 2011

12.19.18.17.16

Lumin betrat Schloss Braunfels zum wiederholten Male an diesem Abend, der Nacht vor dem Heiligen Abend, doch im Gegensatz zu den letzten Gelegenheiten war dies sogar ein ziemlich öffentlicher Anlass. Der große Rittersaal des Schlosses war festlich hergerichtet und einige Honoratioren der Gegend gaben sich ein Stelldichein, der Bürgermeister von Braunfels etwa, oder der Leiter der Polizeistation, Wagner. Als jener Lumin erblickte, ging er auf ihn zu.
»Es freut mich, Sie wiederzusehen!«, sagte er.
»Die Freude ist auf meiner Seite«, meinte Lumin. »Es ist schade, dass Loskher nicht hat kommen können, aber er ist…«
»Beschäftigt!«, beendete Wagner den Satz. »Natürlich, wie immer. Er würde doch eingehen, wenn sein Geist sich nicht immer wieder mit neuen Rätseln beschäftigen würde.«
»Nun«, gab Lumin zu bedenken, »sein Geist könnte sich hier auch mit einem Rätsel beschäftigen. Ich meine, warum sind wir alle hier? Soweit ich weiß, hat die Familie von Braunfels noch nie eine solche Veranstaltung abgehalten.«

Wagner nickte mit dem Kopf. Die beiden betrachteten den großen Saal genau. Er war mindestens zwanzig Meter lang und zehn Meter breit. Eine kurze und eine lange Seite des Saals befand sich an der Außenwand, wo verschiedene Fenster den Blick nach draußen freigaben, obwohl es im Moment nichts zu sehen gab, denn draußen war es bereits stockfinster. Die andere kurze Wand wurde von einem riesigen Kamin dominiert, in dem ein Feuer brannte, während die zweite lange Wand neben verschiedenen Türen Wandmalereien aufwies, die offenbaren die verschiedensten Vorfahren der Familie von Braunfels zeigten. Die Bilder waren mit Spruchbändern verbunden, auf denen sich wiederholt das Motto der Familie fand: »Tibi suadeo, ne sero venias.«, das hieß: »Ich rate Dir, nicht zu spät zu kommen.« Es sollte allerdings keine Mahnung an die Pünktlichkeit sein, vielmehr ging der Spruch darum, dass man Gelegenheiten nicht verpassen sollte.
An der kurzen Wand gegenüber dem Kamin stand ein großer Weihnachtsbaum, der festlich geschmückt war. Hier begrüßte der Hausherr, Roland von Braunfels, zusammen mit seinem Bruder die Gäste.
»Er sieht nicht gut aus«, stellte Lumin mit einem Blick auf den Landgraf fest.
»Er ist wieder voll in der Arbeit für das Europäische Parlament«, erklärte Wagner. »Außerdem… na ja.«
»Na ja?«, hakte Lumin nach.
»So richtig hat er den Tod seiner Lebensgefährtin und seines Sohnes noch nicht überwunden. Er hatte zwar seither eine Beziehung, aber die ging nicht gut. Das hat noch mehr an ihm gezehrt.«
»Bedauerlich.«
»Ach, wer weiß«, meinte Wagner. »Sie war keine angenehme Person. Ich hab nicht verstanden, was der Graf an ihr fand. Nun gut, die Beziehung hielt ja dann auch nicht wirklich.«
Der Mitteilungsdrang des Dienststellenleiters wurde durch eine junge Dame unterbrochen, die durch den Saal lief und Getränke reichte. Lumin nutzte die Gesprächspause, um sich genauer umzusehen. Der Rittersaal sollte wohl offenbar durch seine Größe beeindrucken, deswegen war er recht spartanisch eingerichtet. In den Fensternischen gab es Bänke zum Sitzen und fast mitten im Raum stand ein Tisch, der etwas verloren wirkte. Er war mit einem roten Tuch abgedeckt. Offenbar wollte der Landgraf hier noch etwas präsentieren. Neben dem Tisch stand ein großer, mit Kugeln, Kerzen und Lametta dekorierter Weihnachtsbaum. An der Wand mit den Bildern der Ahnen derer von Braunfels waren diverse Bistrotische aufgestellt, die man auch weihnachtlich dekoriert hatte. Und neben dem Kamin war ein Buffet aufgebaut. Ein Koch, zu erkennen an seiner typischen Kleidung und der hohen Mütze, bereitete hier einige Speisen vor.

»Lumin!«
Unbemerkt hatte sich Roland von Braunfels dem Quysthali genähert. Jetzt, da die Männer unmittelbar nebeneinander standen, fiel Lumin noch mehr auf, wie ungesund der Landgraf aussah. Sein Gesicht war eingefallen und seine Augen wirkten aufgequollen. Als Lumin genauer hinsah, bemerkte er Spuren von Makeup. Offenbar hatte sein Gegenüber ein paar Augenringe kaschiert. Die beiden gaben sich die Hand.
»Ich darf im Namen der Quysthali für die Einladung danken, Abgeordneter«, sagte Lumin. »Loskher Molesh lässt Grüße bestellen und sich tausendmal entschuldigen, aber er ist anderweitig gebunden. Sie müssen mit mir vorlieb nehmen.«
»Schade, dass er nicht da ist, in der Tat«, meinte Roland von Braunfels, »aber ich freue mich, dass Sie da sind. Ich werde nachher eine kleine Rede halten und habe etwas zu verkünden, da ist es gut, dass der Stellvertreter des Leiters der Quysthali anwesend ist.«
Lumin winkte ab. »Stellvertreter, also das ist… so einen Posten gibt es bei uns nicht. Ich unterstütze Jin’Enom , er ist manchmal sehr müde und kann die Aufgaben nicht mehr so erledigen wie früher. Aber eine richtig offizielle Vertretung bin ich nicht.«
»Wie Sie meinen. Nichtsdestotrotz ist es gut, dass Sie da sind.«
Er verabschiedete sich und ging weiter. Wagner, der dem kurzen Gespräch stumm gelauscht hatte, kratzte sich am Kinn. »Das klingt irgendwie dramatisch, finden Sie nicht?«
»Wie meinen Sie das?«, wollte Lumin wissen.
»Er hat etwas zu verkünden, und es ist gut, dass Sie als Quasi-Stellvertreter des Leiters der Quysthali anwesend sind. Wenn er diesen Zusammenhang herstellt, muss es etwas sehr wichtiges sein, das er zu verkünden hat.«
»Loskher hat in den höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt«, grinste Lumin, »über Ihre Auffassungsgabe und ihren hellen Geist. Offenbar hat er sich nicht getäuscht. In der Tat, wenn man diesen Zusammenhang sieht, muss es etwas großes sein, das der Landgraf zu verkünden hat.«

Die Begrüßungsrunde von Roland von Braunfels ging noch etwa eine Viertelstunde, dann stellte er sich direkt neben den abgedeckten Tisch in der Mitte des Raumes. Hausdiener Meier, der schon seit Jahren im Dienst der Familie stand, schlug einen kleinen Gong. Sofort verstummten die Gespräche der Anwesenden und die Aufmerksamkeit wandte sich dem Landgraf zu.
»Liebe Gäste«, fing er zu reden an, »meine lieben Freunde, ich muss danken, dass Sie so zahlreich auf meine Einladung hin erschienen sind, und das einen Tag vor Heiligabend. Sicher finden Sie es ungewöhnlich, da in diesen Hallen nie derartige Veranstaltungen stattfanden, und wenn, dann nur für sehr exklusives Publikum aus dem Umfeld meines Vaters. Nun haben Sie alle zur Genüge aus der regionalen und überregionalen Presse etwas über den Charakter meines Vaters lernen dürfen. Leider konnte er für seine Taten nicht mehr vor einem weltlichen Gericht zur Rechenschaft gezogen werden. Aber er ist tot, und seine Untaten sind mit ihm gestorben. Ich möchte deswegen einen Schnitt machen, damit ich ganz neu anfangen und mich auf meine Arbeit konzentrieren kann. Als Abgeordneter des Europa-Parlaments sehe ich es als meine Pflicht an, den Menschen zu dienen, auch wenn ich mit dieser Einstellung einer unter wenigen zu sein scheine. Aber wenn Sie sich umsehen, so werden Sie in diesen Mauern sehr viel Vergangenheit finden. Ich möchte, dass daraus ein Ort der Zukunft entsteht, damit die Vergangenheit ruhen kann. Das Motto meiner Familie lautet Tibi suadeo, ne sero venias – Ich rate Dir, nicht zu spät zu kommen. Und ich will diese Gelegenheit nutzen für einen Schritt. Mein Bruder und ich haben in den vergangenen Wochen auf den diversen Dachböden und Kellern des Schlosses gestöbert und so viele Sachen gefunden, die der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden sollten, genauso wie diese Räumlichkeiten selbst. Deswegen möchten wir Schloss Braunfels und seine Ländereien den Quysthali stiften, damit diese daraus den Ort der Zukunft machen können, der in meinem Kopf nur als vages Schema zu erkennen ist.«
Lumin fiel die Kinnlade in dem Moment herunter.
»Die einzige Bedingung«, sprach der Landgraf ungerührt weiter, »die wir stellen, ist die: Wir möchten eine Wohnmöglichkeit in einem Nebengebäude für uns haben, und zwar mindestens auf Lebenszeit. Das dürfte machbar sein, denn Schloss Braunfels hat sehr viele Räume. Lumin, darf ich Sie nach vorne bitten?«
Lumin trat wie verlangt vor an den Tisch. Er versuchte, nicht allzu verwirrt zu schauen. Schloss Braunfels übereignen? Das kam alles etwas plötzlich.
»Natürlich«, sagte Roland von Braunfels, »müssen wir die Modalitäten mit einem Notar klären, das werden wir nicht heute Abend tun. Aber symbolisch möchte ich etwas übergeben, etwas aus dem großen Fundus, der hier im Schloss seiner Entdeckung harrt. Ich bin kein Experte, aber soweit ich das überblicke, handelt es sich dabei um echte Antiquitäten, die irgendwie auf irgendwelchen Kanälen in die Hände meiner Familie geraten sind.«
Er packte das rote Tuch auf dem Tisch an einer Ecke und schlug es zurück, so dass die dunkelbraune Tischplatte sichtbar wurde. Was nun vor den Betrachtern lag, waren zwei kleine Gegenstände und eine Mappe mit Papieren. Bei den Gegenständen handelte es sich um eine kleine, schwarze Stufenpyramide aus Stein und einen Delfin, der aus einem braun-marmorierten Stein hergestellt worden war. Die Mappe war gelb und mit einem Stoffband verschlossen.




Lumin hob die kleine Pyramide hoch. Sie passte gut in seine Hand. Der schwarze Stein schimmerte, wenn man sie im Licht drehte. Von der Form her ähnelte sie den Pyramiden, die er von Bildern aus Mittel- und Südamerika kannte. Der Delfin war etwas größer als die Pyramide. Sein Körper war gebogen, so als würde er gerade aus dem Wasser springen. Durch die Form konnte man ihn auf seine Flossen stellen. Dann öffnete Lumin die Mappe. In ihr befanden sich mehrere Seiten Papier, auf denen etwas aufgemalt war. Die Zeichnungen wirkten, als ob jemand die Reliefs an einem Maya- oder Azteken-Tempel abgemalt hätte. Das Papier fühlte sich merkwürdig an, was offenbar einem gewissen Alter geschuldet war.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, begann Lumin. »Auf jeden Fall vielen Dank. Wir werden uns zusammensetzen und überlegen, was angemessen ist, sowohl beim Schloss als auch bei diesen Altertümern, die – Sie bemerkten es richtig – der Allgemeinheit gehören.«
»Ich habe zu danken«, stellte Roland fest.


Es war fast Mitternacht, als Lumin nach Schloss Rosenegg zurückkehrte. Entgegen seinen Erwartungen war Jin’Enom noch wach. Er saß in der Bibliothek in einem der großen Sessel und las in einem Buch. Als er Lumin bemerkte, beendete er die Lektüre.
»Ah, schön, dass wir uns noch sehen. Und, wie war die Weihnachtsfeier bei Roland von Braunfels?«
»Schön. Es gab sogar Geschenke zu Weihnachten.«
»Ach ja?«
»Ja. Wir haben ein Schloss bekommen.«
Jin’Enom sah Lumin von unten her zweifelnd an. »Noch eins?«, fragte er.
»Der Landgraf will uns Braunfels und die dazugehörenden Ländereien überschreiben«, erklärte Lumin. »Als Gegenleistung will er für sich und seinen Bruder lebenslanges Wohnrecht in einem Nebengebäude. Außerdem sollen wir uns im Fundus des Schlosses umsehen. Offenbar hat seine Familie seit Generationen historische Altertümer gekauft und gehortet. Wir sollten sie sichten, von Wissenschaftlern bewerten und von Museen ausstellen lassen. Das hier hat er mir mitgegeben, sozusagen als Anreiz und Pfand für sein Versprechen.«
Lumin reichte Jin’Enom die gelbe Mappe. Der alte Quysthali schlug sie auf und blickte über die Papiere. »Oh«, machte er, »eine wunderschöne Arbeit. Da hat sich wohl jemand als Forscher verdingt. Scheint mesoamerikanischer Herkunft zu sein. Vielleicht kann man herausfinden, was hier abgezeichnet wurde.« Als Lumin ihm die kleine Pyramide und den Steindelfin übergab, ergänzte er: »Mesoamerikanisch, ich sage es doch! Gehört das alles zusammen?«
»Der Graf hat gesagt, diese drei Sachen hätten sich zusammen in einem alten Karton befunden, den er auf einem der Dachböden des Schlosses gefunden hatte. Er hat sich nicht getraut, die Sachen weiter zu durchwühlen, sondern hat einen von den ersten Gegenständen genommen, die da standen.«
»Wieso hat er sich nicht weiter getraut?«
»Der Dachboden muss wohl überquellen von irgendwelchen Gegenständen, an denen der Zahn der Zeit kräftig genagt hat. Er hat gesagt, er habe ein Buch gefunden, das auseinandergefallen sei, als er es aufheben wollte. Deswegen hat er alles weitere gelassen.«
Jin’Enom grübelte. »Hm«, machte er, und: »Hm. Hm. Hm.« Dann stellte er fest: »Wir werden wohl im neuen Jahr mit dem Landesamt für Archäologie Kontakt aufnehmen müssen. Wir können diese Sachen nicht einfach so bergen, dazu brauchen wir Experten. Die können dann auch gleich feststellen, ob da wirklich Kunstschätze vor uns liegen, oder auch Krempel.«
»Wie dem auch sei«, sagte Lumin, »ich werde jetzt schlafen gehen. Morgen ist Weihnachten, da will ich nicht verschlafen.«
»Ja, natürlich«, bestätigte Jin’Enom. »Würdest Du diese Sachen bitte auf den Schreibtisch in meinem Büro legen? Ich werde sie mir bei Licht nochmal genauer ansehen.«
»Selbstverständlich.« Er nahm die Mappe und die beiden Steinkunstwerke in Empfang und ging in Richtung Tür. »Eine geruhsame Nacht, Mentoro«, wünschte er noch.
»Danke!«, erwiderte Jin’Enom. »Dir auch.«

Montag, 14. November 2011

Zweites Buch - Inhalt

Kapitel:

....

Zweites Buch: Die Mayas



Dienstag, 7. September 2010

Die Liga der Tatkräftigen

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit hatte man die Quysthali und ihre Bemühungen mit einigem Befremden betrachtet. Manche hatten sich sogar darauf verstiegen, dass deren Anliegen geradezu lächerlich sei. Doch wie durch eine magische Handbewegung schienen jene Stimmen nun zum Schweigen gebracht worden seien. Die Nachrichtenagenturen berichteten von dem knapp verhinderten Attentat und den Anteil, den die Quysthali daran hatten. Und gleich kam noch eine Nachricht hinterher, nämlich dass der junge Erbe des Hauses derer von Braunfels gerade noch lebend aufgefunden worden war.

»Wir haben ein wichtigstes Ziel augenscheinlich erreicht«, notierte Jin’Enom unter dem Datum des 7. September in seinem Tagebuch, »nicht mehr und nicht weniger als die Welt. Ich spüre Erfüllung und innere Freiheit sowie starke Selbsterkenntnis. Eine Heldenreise ist an ihrem Ende. Aber unser ganzes Leben ist eine Heldenreise, und wann immer wir eine Reise beenden, beginnt eine neue, so lange, bis wir zum letzten Ziel des Lebens kommen. Eine Tür schließt sich, eine neue öffnet sich. Und darauf bin ich schon sehr gespannt. Heute jedenfalls werden wir uns wieder einmal der Öffentlichkeit präsentieren, die ein Recht darauf hat, zu erfahren, was in den letzten Wochen eigentlich vorgefallen ist.«

[Dies ist nur ein Auszug aus einem Kapitel des Buchs "Quysthali. Buch 1 - Eine Heldenreise". Dort erfahren Sie die ganze Geschichte.]

Montag, 6. September 2010

Ein Skandal in Braunfels

Unter anderen Umständen wäre es eine ganz spannende Sache gewesen. Aber die Sache war viel zu ernst, als dass man sie von dieser Warte aus hätte betrachten können. Jin’Enom las die Berichte, die ihm zugetragen wurden und staunte. Gleichzeitig erfüllte ihn aber auch ein Gefühl des Stolzes. Und er hatte sich nicht geirrt.

»Ich habe ganz deutlich das Gefühl, dass der Zeitpunkt des Gerichts, der ausgleichenden Gerechtigkeit, nicht mehr fern ist«, schrieb er in sein Tagebuch. »Eine neue Phase beginnt, weil eine alte endet. Ein großer Schritt ist getan.«

Alvarez betrat ein luxuriöses Haus in Sharm El-Sheik auf der zu Ägypten gehörenden Halbinsel Sinai. Dieses Haus konnte man nach allen Maßstäben getrost als »luxuriös« bezeichnen, denn es war groß, stand auf einem von einer großen Mauer umfriedeten Grundstück und war über und über mit allerlei Spielereien verziert. An den Wänden hingen Gemälde, handgeknüpfte Teppiche, reich verzierte Schwerter und ähnliches. Der Hausdiener, der den Spanier in Empfang genommen hatte, führte ihn durch eine lange Säulenhalle und über einen Korridor in einen Raum, der ein Konferenzsaal zu sein schien. Ein großer Tisch stand mitten im Raum, um den herum etwa ein Dutzend Stühle standen. Eine Gesellschaft saß an dem Tisch, die von dem am Kopfende platzierten Raschid El-Rahibah dominiert wurde. Als Alvarez den Raum betrat, fiel ihm auf, dass man durch eine große Glasscheibe auf den Gang sehen konnte. Ein Fenster nach draußen hatte dieser Ort nicht, denn er lag mitten im Haus.

[Dies ist nur ein Auszug aus einem Kapitel des Buchs "Quysthali. Buch 1 - Eine Heldenreise". Dort können Sie die ganze Geschichte nachlesen.]

Sonntag, 5. September 2010

Der adelige Junggeselle

»Theorie sei grau, so sagt man, aber auf der anderen Seite sind die Zellen unseres Gehirns, die so großartige Denkleistungen vermögen, auch grau, also was soll’s? Ich kann mir nicht helfen und bin restlos begeistert von der Arbeit, die die Quysthali bis zum heutigen Tag getan haben. Loskher ist zuversichtlich, den verschwundenen Roland von Braunfels zu finden, also bin ich es auch.«
Jin’Enom unterbrach sein Schreiben und sah zum Fenster. Dann hielt er fest: »Die Sonne geht auf. Gerade kann ich ihre ersten Strahlen sehen, wie sie über das Dach von Rosenegg kommen. Lebensfreude. Vitalität. Wärme. Zuversicht. Ende der Sorgen, Irritationen und Ängste. Überwindung der Dunkelheit. Und gleichermaßen geht eine Sonne auch für die Quysthali auf. In ihren Strahlen werden die letzten Probleme dahinschmelzen wie der letzte Schnee im Frühling. Damit könnten wir wirklich zufrieden sein. Obwohl ich von Alvarez noch keine Rückmeldung habe und das Schiff inzwischen an seinem Ziel angekommen ist, traue ich mich doch, auch hier etwas Zuversicht zu haben.«

[...]

Am Nachmittag des gleichen Tags, an dem sich der Spätsommer nochmals von seiner freundlichen Seite zeigte, lagen Beryl und Lumin auf Strandtüchern im Schatten eines Baumes am Strand von Rosenegg. Sie waren schwimmen gewesen, danach waren sie dorthin zurückgekehrt und hatten sie sich über viele verschiedene Dinge unterhalten. Natürlich hatte Lumin davon berichtet, was in Ägypten passiert war, was mit ein Grund gewesen war, warum er beinahe das Mittagessen versäumt hätte.

»Dass die Sache so glimpflich ausgegangen ist, ist beinahe ein Wunder«, fand Beryl.
»Alvarez«, äußerte sich Lumin, »der Tatmensch. Wir verdanken es auch seiner Hartnäckigkeit.«
»He, jetzt stell mal Dein Licht nicht unter den Scheffel! Du hast auch Deinen Teil beigetragen, so wie Yussuf und Sarah Eldis.«
»Ich verstehe nur nicht, wie das passieren kann. Woher kommen die Energie und der Drang, eine solche Tat nicht nur zu planen, sondern auch wirklich durchführen zu wollen?«
Beryl drehte sich ganz auf dem Bauch und glättete mit ihrer Hand den Sand am Kopfende des Strandtuchs. Lumin drehte sich ebenfalls um und sah ihr neugierig zu.
»Auf meinen Reisen nach Asien habe ich viele Betrachtungsweisen kennengelernt«, erzählt sie. »Eine davon fand ich sehr interessant, weil sie etwas beleuchtet, das vermutlich jeder Mensch macht, es den Meisten aber nicht bewusst ist – oder es nicht so absolut gesehen wird. In China wird nämlich sehr viel in Kreisen gedacht.« Sie stupfte mit ihrem Zeigefinger einen Punkt in den Sand. »Das hier ist ein Mensch«, erklärte sie und begann, mehrere Kreise um den Punkt herum zu malen, die sich überschnitten. Allerdings war der Punkt nur im ersten Kreis der Mittelpunkt, bei den anderen war er irgendwo am Rand. »Das ist der Familienkreis«, führte sie weiter aus, »das der Kollegenkreis, das der Freundeskreis. Innerhalb dieser Kreise geschieht nun etwas, das ein ganz natürlicher Vorgang ist: Abgrenzung. Dadurch wird der Zusammenhalt innerhalb des Kreises gestärkt. Du kennst das, wenn man Fan des einen Fußballvereins ist, wird über andere Vereine und deren Fans gelästert. Und es passiert sehr häufig, vielfach auch ohne dass wir wahrnehmen, dass sich ein Kreis gebildet hat. Zum Beispiel die Angestellten einer Firma, die in der Mittagspause über die Abteilungsleiter lästern. Das ist in Ordnung und gehört dazu, solange daraus nicht wirkliche Feindseligkeiten oder Feindschaften erwachsen. Es ist Teil eines Prozesses, der Psychohygiene genannt wird. Es geht darum, Dampf abzulassen. Ich möchte beispielsweise wetten, dass der Spruch von männlichen Schülern, ein bestimmter Lehrer würde Mädchen generell bessere Noten geben, wenn diese einen kurzen Rock und einen tiefen Ausschnitt trügen, häufiger gesagt wurde, als er wirklich ernst gemeint war – und vor allem, häufiger gesagt wurde, als er der Wirklichkeit entsprach.«
Sie suchte ein kleines Steinchen aus dem Sand und legte es in den Punkt, den sie am Anfang gemacht hatte. Während sie weitersprach, bewegte sie das Steinchen nun von Kreis zu Kreis. »Dadurch, dass wir uns in verschiedenen Kreisen bewegen«, erläutert sie, »lernen wir, mit solchen Kommentaren umzugehen. Im einen Kreis sind wir Fans von Fußballverein A und lästern über die Fans von Verein B, gehen wir aber in den Kollegenkreis, kann es sein, dass wir mit Fans von Verein B zusammentreffen und mit ihnen gut auskommen. Wir lernen auf die Weise meistens unbewusst, gewisse Dinge nicht so ernst zu nehmen. So etwas kenne ich von meinem letzten Arbeitsplatz. Da waren zwei Kollegen, die sich gegenseitig angefrotzelt haben wegen ihrer Fußballvereine, aber sie waren trotzdem Freunde.«
Nun malte sie einen dicken Kreis, der alle anderen Kreise überlagerte. »Gefährlich wird es«, sagte sie dazu, »wenn ein Kreis sich übermäßig in die anderen Kreise einmischt. Von einigen Bomben-Attentätern wissen wir, dass sie eigentlich gut integrierte Bürger gewesen waren, bevor sie auf einmal mit radikalem Gedankengut in Kontakt kamen. Die Abgrenzung wird immer stärker, und radikale Ideen beanspruchen für sich zumeist eine gewisse Universalität. Bestes Beispiel sind hier Sekten. Man soll den bisherigen Freundeskreis aufgeben, denn die verstehen das ja sowieso nicht. Die eigene Familie kritisiert die Sekte? Das sind Ungläubige, die können nicht gerettet werden, am besten wendet man sich von ihnen ab. Und so geht es weiter. Die Abgrenzung wird immer stärker, gleichzeitig auch die Entfremdung des Einzelnen aus den anderen Kreisen. Bis nur noch ein Kreis übrig bleibt. Und die Sekte ist nur ein Beispiel, es können auch radikale politische Ideologien sein oder ähnliches. Die Abgrenzung führt hier dazu, dass jeder, der anders ist, als Feind gesehen wird.
So entsteht das Schwarz-Weiß-Denken.«

Sie wischte ihre Zeichnung aus dem Sand, und die Beiden drehten sich wieder um, so dass sie auf den See hinaussahen. »Weißt Du«, stellte sie dann fest, »die Quysthali haben damals den Fehler gemacht, sich unbewusst abzugrenzen. Wir haben zwar unsere Aufgabe gesehen, aber wir wollten uns nicht aufdrängeln. Und so wurde die Abgrenzung von der anderen Seite aus geschaffen. Auf einmal waren wir die Anderen, die es zu bekämpfen galt. Seit wir uns geöffnet haben, ist das sehr viel besser. Manche halten uns immer noch für weltfremd. Na gut, sollen sie. Mit manchen Leuten kann man keine richtige Diskussion führen.«
»Keine richtige Diskussion führen«, seufzte Lumin, »da sagst Du was!«
In dem Moment kam ein Windsurfer nahe am Strand vorbei. Er fuhr einige Meter parallel zum Strand, so dass man die auf dem Brett stehende Person deutlich sehen konnte: Shana Del Óta. Sie winkte heftig, schaffte es dabei, sich mit einer Hand am Segel festzuhalten und nicht zu stürzen. Lumin und Beryl winkten zurück.
»Da wächst sie am Gardasee auf«, wechselte Lumin abrupt das Thema, »einem Paradies für Windsurfer, aber erst hier entdeckt sie ihre eigene Begeisterung dafür. Und dann ist sie auch noch so ein Naturtalent.« Dann schwieg er. Sein Blick war zwar auf den See hinaus gerichtet, aber er ging eigentlich nach nirgendwo.
»Was bedrückt Dich?«, fragte Beryl plötzlich.
Lumin setzte sein Schweigen zunächst fort. Man konnte nur aus der Mimik seines Gesichtes herauslesen, dass die Gedanken, die hinter seiner Stirn kreisten, von besonderer Schwere waren. »Mir geht da etwas nicht aus dem Kopf«, sagte er endlich, »eine Begegnung mit einem Mensch, die ich vor einiger Zeit hatte. Es gab Zeiten, da hätte ich ihn ohne Zögern als Freund bezeichnet, aber jetzt… Wir diskutierten, weil er etwas über mich behauptet hatte, das meiner Ansicht nach überzogen und unrichtig war.« Er hob aus dem Sand neben seinem Strandtuch einen ungefähr faustgroßen Stein und hielt ihn hoch. »Ich hatte das Gefühl«, erklärte er weiter, »ich hätte das Gespräch auch mit diesem Stein führen können. Egal, was ich sagte, immer gab es eine Erklärung oder eine Ausrede. Es war zum Verzweifeln. Manchmal ging er auf Dinge ein, die ich gar nicht gesagt hatte, und hielt mir Worte vor, die ich nicht gebraucht hatte.« Er hielt den Stein mit der flachen Hand genau vor sein Gesicht und sah ihn direkt an. »Ach, armer Yorick«, zitierte er dann, »ich kannte ihn gut, Horatio, ein
Bursche von unendlichem Humor.«
Beryl nahm ihm den Stein aus der Hand. »Shakespeare bringt uns hier nicht weiter«, wandte sie ein, »aber vielleicht tut das Schopenhauer. Du sagst, Du hättest das Gespräch auch mit diesem Stein führen können. Du meinst, weil Dir dieser Stein zumindest zugehört hätte, wenn er auch keine Antwort gibt?«
»So ungefähr«, antwortete Lumin, »und das Resultat wäre austauschbar gewesen, denn ob ich mit diesem Stein oder mit Tibur direkt geredet hätte, überzeugt hätte ich ihn nicht. Was meinst Du mit Schopenhauer?«
»Arthur Schopenhauer. Er hat ein Werk mit dem Titel Eristische Dialektik herausgebracht; man nennt es auch Die Kunst, Recht zu behalten. Du hast bei den Quysthali gelernt, gewaltfreie Kommunikationsformen zu benutzen. Aber Du hattest keine Möglichkeit gehabt, diese wirklich zu verfeinern an Menschen, die sehr feindlich argumentieren. Da ich viel in Krisenregionen war, kam das für mich zwangsläufig. Ich habe mich von daher auch sehr mit anderen Kommunikationsformen auseinandergesetzt, um gegen sie gewappnet zu sein. Du jedoch warst in diesem Fall nicht vorbereitet und bist gegen eine Wand gelaufen. Und das frustriert Dich. Was Du beschreibst, erinnert sehr stark an Schopenhauers Eristik, denn in diesem Werk geht es darum, wie man mit anderen diskutiert – und zwar so, dass man Recht behält. Es geht nicht darum, sich auszutauschen und zu einer Lösung zu kommen. Es geht nur darum, seine eigene Meinung durchzusetzen, egal ob sie richtig ist oder falsch. Ihr hättet bei dem Gespräch wahrscheinlich auch darüber reden können, ob der Himmel blau oder grün ist – wenn er der Meinung gewesen wäre, der Himmel ist grün, hätte er diese Ansicht genauso verteidigt und wäre keinen Millimeter davon abgewichen.«
Sie legte den Stein in den Sand zu ihren Füßen. »Das Tragische ist«, schlussfolgerte sie dann, »dass die Menschen, die sich mit diesen Redekünsten befassen, zwar ihre Regeln genau lernen, aber besser vielleicht das Schlusswort von Schopenhauer lesen und verinnerlichen sollten. Denn am Ende seiner Ausführungen über die Eristik schreibt er, dass es besser sei, wenn die Menschen nicht zu diesen Tricks und Kniffen greifen würden, sondern offen miteinander umgehen, nicht mit Machtansprüchen diskutieren, sondern mit Argumenten. Er geht sogar so weit zu sagen, dass man guten Gründen zuhören sollte, selbst aus dem Mund des Gegners, und es ertragen sollte, Unrecht zu behalten, falls die Wahrheit auf der anderen Seite liegt. Seine zynische Schlussfolgerung ist, dass unter hundert kaum einer ist, der es wert sei, mit ihm zu diskutieren.«
Lumin sah auf. »Was ist mit dem Rest?«
»Den Rest lasse man reden, was sie wollen, rät Schopenhauer, weil unverständig sein Menschenrecht sei. Und er bringt zwei Zitate, eines von Voltaire und ein arabisches Sprichwort. Voltaire sagt: Der Friede ist mehr wert als die Wahrheit, und das Sprichwort lautet: Am Baum des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede
Sie sah den Zweifel in Lumins Augen, also setzte sie nach: »Dein vormaliger Freund hat Dich also einer Sache beschuldigt, die Du angeblich getan hast? Und, hast Du sie getan?«
»Nein!«, widersprach Lumin heftig.
»Er glaubt es aber trotzdem. Meinst Du, es gibt einen Weg, ihn vom Gegenteil seiner Ansicht zu überzeugen?«
»Nein.«
»Also, dann musst Du Deine Einstellung ändern. Schließe mit dieser Vergangenheit ab und akzeptiere es. Ändern kannst Du es nicht. Nimm mit Deinem inneren Ratgeber Kontakt auf und lasse diese Wunde heilen.«
»Etwas Ähnliches habe ich schon einmal getan«, gab Lumin zu bedenken, »Du weißt, was dann passiert ist.«
Beryl wusste es noch nur zu gut. Lumin hatte sich in seiner Meditation verloren, war mit dem Geist zu weit gegangen. Erst Adahy war es gelungen, ihn wieder zurück zu führen. Sie blickte ihn sehr ernst an. Doch in dem Moment kam Shana wieder vorbei. Wieder winkte sie. Gleichzeitig hellte sich Lumins Miene auf. Er und Beryl setzten sich auf und winkten wieder zurück.
»Ich weiß nicht«, meinte er dann, »ich habe den Eindruck, das ist wie bei einem Kind, das gerade Fahrrad fahren gelernt hat und immer wieder vorbeikommt und laut ruft: Mama! Papa! Schaut mal, was ich kann!«
»Ja«, grinste Beryl, »sie werden so schnell groß.«
Sie seufzte. Dann lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. Er hob vorsichtig seinen Arm und strich mit den Fingern seiner linken Hand über ihren Rücken. »Der Weg des Lebens verläuft niemals gerade«, stellte sie fest. Er nickte stumm und legte seinen Kopf auf die Seite, so dass seine Wange ihre Haare berührten. Sie blickte zu ihm hoch.
»Sag mir«, verlangte sie dann, »was ist es, das Deine Gefühle am meisten in Wallung
bringt?«
Er hob den Kopf wieder und sah ihr direkt in ihre Augen. »Wenn ich so sein darf, wie ich bin«, war seine Antwort.
Sie küssten sich zaghaft, sahen sich wieder in die Augen, schwiegen. Dann küssten sie sich nochmals, und diesmal war es länger; der wahren Liebe erster Kuss. Erneut sahen sie sich in die Augen. Ihre Gesichter waren so dicht bei einander, dass sie
sich fast berührten. »Ich liebe Dich«, sagte Beryl, »und ich möchte Dir helfen und Dich unterstützen. Es heißt, sinne niemals Böses gegen jene, die Dir etwas zu Leide tun: Sie werden von selbst fallen wie Bäume, die am Ufer stehen. Wenn Du mit Vergangenem abschließen willst, werde ich da sein und auf Dich aufpassen. Ich werde nicht zulassen, dass Du Dich an Deinen Schmerz klammerst. Wir sind hier, um ihn zu überwinden.«
»Ich liebe Dich«, erwiderte er, »und ich würde mich freuen, wenn Du dazu bereit wärest, wie auch ich dazu bereit bin, Dir zu helfen.«
Sie küssten sich erneut, wieder länger. Es geschah genau in diesem Moment, dass Shana vorbeifuhr. Wieder drehte sie sich zum Strand um, doch als sie Beryl und Lumin sah, da war sie so überrascht, dass sie unachtsam wurde. Eine Windböe fuhr in ihr Segel und bewegte es heftig zur Seite, so dass sie mitgerissen wurde und mitsamt dem Segel ins Wasser fiel. Sie schrie auf und Lumin und Beryl blickten sich überrascht um. Sie rannten ins Wasser und schwammen zu der Stelle, wo das Surfboard trieb. Der Mast war am Gelenk seines Fußes umgeklappt und das Segel schwamm im Wasser. Shana Del Óta befand sich auch im Wasser, sie hielt sich am Board fest.
»Ist alles in Ordnung mit Dir?«, fragte Beryl, als sie sie schließlich erreicht hatten.
»Ihr Beiden!«, rief Shana laut mit gespieltem Ärger in der Stimme und schubste mit der flachen Hand eine kleine Wasserfontäne in Richtung von Lumin und Beryl. »Wie könnt Ihr mich nur so erschrecken?«, schob sie nach, wobei sie breit grinste. Die beiden Angesprochenen grinsten zurück.
»Wir haben uns nur geküsst«, meinte Lumin unschuldig. »Wir konnten ja nicht wissen, dass Du so empfindlich darauf reagierst.«
»Dann helft mir jetzt wenigstens, die Ausrüstung zurück an Land zu bringen«, bat sie. Lumin und Beryl nickten und schwammen heran, so dass sie das Board zu fassen kriegten. Shana sah sie an. Dann lächelte sie still in sich hinein und begann, sich mit dem Segel zu befassen.

[Dies ist nur ein Auszug aus einem Kapitel des Buches "Quysthali. Buch 1 - Eine Heldenreise". Dort erfahren Sie die ganze Geschichte.]